28. Februar 2025

WSV droht Bedeutungslosigkeit – Relaunch unausweichlich?

Zum Niedergang des Traditionsvereins WSV tauchen mehr Fragen als Antworten auf. Das einstige Flaggschiff und Aushängeschild des Wuppertaler Sports läuft Gefahr, in die völlige Bedeutungslosigkeit abzudriften. Besonders auffällig ist eine gut gemeinte, aber oft nach innen gerichtete, von außen gesehen aber vielfach mangelhafte Kommunikationspolitik.

Ex-WSV-Verwaltungsrat und Buchautor Norbert Müller an der Wupper – © privat

Im Raum steht eine siebenstellige Summe, von der nicht klar ist, ob es sich um eine Schenkung oder ein Darlehen handelt. Und die dazu auch noch eine steuerrechtliche Komponente besitzt. Das Dilemma: Eine Opposition ist in diesem Verein scheinbar nicht mehr auszumachen oder hat keine Stimme mehr. Eine der letzten kritischen Stimmen wurde nach eigenen bekunden auf der letzten Mitgliederversammlung förmlich abgekanzelt.

Allein die Erwähnung des Namens „Norbert Müller“ löst bei den heute Verantwortlichen, vorsichtig ausgedrückt, Ablehnung aus. Warum? Norbert Müller selbst lieferte ausführliche Antworten in seinem lesenswerten Buch „Kein Rentner-Blues in Wuppertal“. Seine Thesen muss man nicht teilen, man sollte sie aber vielleicht doch einmal einer näheren Betrachtung unterziehen.

Wir haben uns mit dem früheren, 2023 zurückgetretenen Sprecher des Finanzausschusses des Verwaltungsrates, ausführlich unterhalten. Er ist heute nicht nur Buchautor, sondern auch Dozent in Wirtschafts- und Marketing-Fragen. Vom WSV fühlt er sich inzwischen ausgegrenzt. „Wenn man eine andere Meinung vertritt, und nicht mehr dem ‚Inneren Circle‘ angehört, wird man zum Unberührbaren und der vermeintliche Freundeskreis reduziert sich erheblich“, dieses schmerzliche Fazit zog er in seinem Buch.

DS: „Sie haben dem WSV In ihrem 2024 erschienen zweiten Buch rund 120 Seiten gewidmet. Ihre Begründung: Sie würden den Verein vor Schäden bewahren, aber auch Wege aus der vermeintlichen Sackgasse aufzeigen wollen. Gab es da im Hinterkopf auch so ein Motiv wie Revanche oder gar Rache?“

Norbert Müller: „Bei weitem nicht, warum auch und was hätte ich davon? Hätte ich darauf gesonnen, hätte ich andere Mittel einsetzen können. Oder aber das Kapitel im Buch hätte doppelten Umfang erreicht. Die Aufgabe eines Verwaltungsrates ist doch einzig, den Verein vor Schaden zu bewahren. Das war und ist mein Antrieb und mein Versprechen gewesen, welches ich den Mitgliedern vor meiner Wahl gegeben habe. Nur daran fühlte und fühle ich mich gebunden.“

DS: Können Sie bitte konkreter werden?

Norbert Müller: „Nun, gibt es leider eine finanzielle Fehlentwicklung, die die Zukunftsfähigkeit des Vereins erheblich beeinträchtigt. Die Frage wieviel EMKA denn nun noch pro Saison zahlt, ist dagegen fast schon sekundär. Es geht um existenzbedrohende bilanzierte Verbindlichkeiten in siebenstelliger Größenordnung, deren Akzeptanz einer Überprüfung bedarf. Es kann doch nicht sein, dass dieser Verein ständig die gleichen Fehler wiederholt und dies nur, weil es beim Verwaltungsrat keine Lernkurve gibt.“

„Kein Rentner-Blues in Wuppertal“ – Norbert Müller – BoD Books on Demand – 248 Seiten – ISBN 10: 3769300459 – ISBN 13: 978-3769300451

DS: „Sie fühlten sich, wie sie schreiben, als WSV-Organ, zu Traumzielen eingeladen worden zu sein, dem dann Mitten auf dem Atlantik erklärt wurde, sie seien gar nicht eingeladen, sondern dass Geld für die Reise (in diesem Falle für den WSV) wäre nur vorgeschossen worden. Wo liegen die rechtlichen Aspekte?“

Müller: „Ich möchte heute keinen Staub mehr aufwirbeln, das läge kaum im Interesse des WSV, dem ich mich bis heute verbunden fühle und dessen Mitglied ich immer noch bin.  Aber ich will doch so viel sagen, dass ich in entscheidenden Momenten von der Mehrheit meiner Verwaltungsrat-Kollegen keine Unterstützung hatte, obwohl diesen, wie auch mir, „die Zeichen an der Wand“ sichtbar vor Augen standen.“

DS: Welche Motivlage sehen Sie hier?

Norbert Müller: Bei einigen Kollegen ging wohl die Angst um, durch eine eigentlich zwingende Reaktion auf diese sichtbare Fehlentwicklung, ggf. bei einer nächsten Wahl abgestraft werden zu können, damit also nicht mehr privilegiert zu sein. Nur, dies darf und kann nicht der Leitfaden für die Handlungsweisen eines Aufsichtsorgans sein. Treffend finde ich da die Beschreibung von Rainer Werner Fassbinder, der einem seiner Filme den Titel ‚Angst essen Seele auf‘ gab.“

DS: Was sagen sie zu einer Meinung, Ihnen hätte einiges gefehlt, um die Abläufe in einem großen Fußballverein beurteilen zu können?  

Norbert Müller: „Da kann ich nur schmunzeln. Beruflich war ich als Key-Account-Manager bei einer Investitionsgüter-Bank für Großkunden zuständig. Ich habe eine betriebswirtschaftliche Ausbildung, unterrichte als Dozent u.a. Rechnungswesen, sowie Marketing und Vertrieb sowie einige rechtliche Themen an einer der größten Akademien für Erwachsenenbildung. Im Verwaltungsrat war ich wohl nur einer von zwei Kollegen, der mit unserem Finanzvorstand überhaupt auf Augenhöhe Bilanz-Kennzahlen diskutieren konnte.“

DS: Und wie schätzen Sie Ihre Fachkenntnisse im modernen Fußballgeschäft ein?

Norbert Müller: „Ich räume ein, dass es Leute mit mehr fußballerischen Sachkenntnissen gab und auch noch gibt. In dem Bereich würde ich mich nie als Ratgeber sehen. Da habe ich mich immer zurückgehalten.  Darüber hinaus haben mir ‚in meinem Fachgebiet‘ meine vielfältigen Kontakte aber immer geholfen und mich darin bestätigt, dass der WSV erst einmal ein durchgängiges Marketingkonzept benötigt. So z.B. auch Lars Nierfeld, der beim 1. FC Köln über viele Jahre als Geschäftsführer Marketing und Vertrieb tätig war und in der Branche einen so guten Ruf hatte, dass nicht nur WSV-Mäzen Friedhelm Runge ihn als Berater engagierte und beim WSV einsetzte. Leider hatte Lars Nierfeld nicht die Befugnis, diese notwendigen Reformen umzusetzen. Meine Hoffnung war, ihn fester an den WSV zu binden. Heute ist er Geschäftsführer beim Rheinischen Turnerbund“.

Ist immer noch Mitglied des WSV: Norbert Müller – © privat

DS: Wie sehen sie den WSV heute aufgestellt?

Norbert Müller: „Schauen Sie sich die Zuschauerzahlen an, die reichen nicht mehr, die laufenden Kosten eines Spieltages zu decken. Sehen Sie sich die Jahreshauptversammlung an, früher kamen mal Hunderte, heute ist man froh, wenn überhaupt noch 140 kommen, um die satzungsmäßig geforderte Mehrheit für eine Abstimmung zu erreichen. Das WSV Forum rot-blau.com hatte früher einmal tausende von Nachfragen und Meinungsäußerungen, heute kommen sie vielleicht noch auf ein Zehntel. Eine Opposition gib es nicht mehr, oder ist unsichtbar. Dafür gibt es jetzt einen vierköpfigen Vorstand, wovon einer hauptamtlich tätig ist,  mit Zuständigkeiten, die sich mir nicht erschließen. So etwas, also einen hauptamtlichen Vorstand zu haben, ist bei einem Regionalliga-Verein eher ungewöhnlich. Ob sich dies rechnet, kann ich nicht beurteilen, müsste man aber an erheblich gestiegenen Sponsoring-Einnahmen erkennen können. Sind sie das?

DS: Sie sehen sich auch als Mann des Marketings. Wie sieht ihre Bewertung aus?.

Müller: „Der WSV lebt nur noch von seinem Namen, der ‚Gott sei Dank‘ noch einen Wert darstellt. Ich sehe die dringende Notwendigkeit eines Relaunchs, also für veränderte Strukturen. Eine solche Veränderung ist immer nötig, wenn sich die aktuelle Positionierung einer Marke nicht mehr im Wettbewerb um Sponsoren behaupten kann. Das ständige Rufen nach Unterstützung durch die Bergische Wirtschaft ignoriert die tatsächlichen Probleme. Einem Unternehmen, das einen WSV unterstützen soll, muss ein Gegenwert, oder ein überzeugendes Motiv geboten werden. Hier hatten wir damals schon Konzepte entwickelt, die jetzt irgendwo in einer Schublade verstauben. Sinkende Zuschauerzahlen koalieren dann zwangsläufig mit sinkendem Interesse potenzieller Sponsoren. Mir fehlt es auch an einer echten Vision, die über das Wohl und Wehe der ersten Fußballmannschaft hinausgeht. Tatsächlich lebt der Verein heute unter Marketinggesichtspunkten nur noch von seinem guten Namen, der im Fußball-Deutschland einmal eine Nummer war, aber immer noch einen Erkennungswert hat. Die Zeiten von Günter Pröpper und Co. gehören ja leider schon lange der Vergangenheit an“.

DS: Reicht da die Neuformulierung einer Vision?

Norbert Müller: „Es kann niemanden entgangen sein, dass mehrere Jahre sehr viel Geld, mit dem Ziel Aufstieg 3. Liga,  verbrannt worden ist, welches jetzt die Bilanz belastet, ohne das gesteckte Aufstiegsziel zu erreichen. Ich will es auch noch anders sagen, in der Politik spricht man von ‚ehrenhaften’ Rücktritten, wenn einer einsieht, nicht mehr am richtigen Platz zu sein. In der Politik sieht man aber auch, dass man durch den Wechsel im Führungspersonal kleine Wunder bewirken kann. Die politische ‚Linke‘ ist ein gutes Beispiel, wo der Austausch ohne Programmänderung einen kleinen Erdrutsch auslöste. Man hat bei der ’Linken’ gesehen, dass der Ausstieg von Frau Wagenknecht plötzlich dazu geführt hat, andere Kräfte freizusetzen. Dort sind zweihundert ausgetreten, aber zwanzigtausend dafür eingetreten. Neue, unverbrauchte Köpfe könnten auch beim WSV Wunder bewirken und die Zukunft wieder positiv gestalten.“

DS: Sehen Sie da geeignete Persönlichkeiten, die eine Bereicherung des  Verwaltungsrates sein könnten und haben Sie diesbezüglich vielleicht sogar selbst Ambitionen? 

Norbert Müller: „Ich habe keine Ambitionen und würde ja meine eigenen Träume sonst ad absurdum führen. Ich würde mich allenfalls noch für Beratungsaufgaben einbinden lassen. Schauen Sie sich um, der WSV hat ganz herausragende Persönlichkeiten, die in ihren Verantwortungsbereichen einen super Job machen und diese könnten den ganzen Verein völlig neu beleben.  Da nenne ich gerne beispielhaft den jungen Leiter des ‚Löwenstalles‘ Tom Welz oder aber auch die Leiterinnen der Kinder-Turnabteilung Kerstin Mau und Sarina Mantick. Solche Persönlichkeiten braucht der WSV jetzt in seinen Gremien. Welche Geschichte würde der WSV plötzlich erzählen, wenn der Vorstand nun jünger und vielleicht sogar auch weiblicher wäre? “

DS: Was muss sich nach Ihrer Meinung beim WSV noch ändern?

Norbert Müller: „Es würde dem Verein schon damit am besten gedient sein, wenn in dem einzigen Kontroll-Organ Verwaltungsrat auch Leute gewählt würden, die nicht nur geschmeidig reden, sondern auch präsent sind und am Ende eine Bilanz lesen können. Das ist eigentlich das Mindestrüstzeug für ein Mitglied eines Aufsichtsorgans. Dann muss man ab und zu auch in die Satzung schauen um zu sehen, welche Pflichten man hat und schon dürfte es nie mehr zu einer Schief-Lage kommen. Am 10. April 2025 ist beim WSV im Barmer Bahnhof wieder Jahreshauptversammlung. Da setze ich meine ganze Hoffnung drauf, dass es mit entsprechenden Beschlüssen beim WSV endlich wieder aufwärts geht“. 

DS: Wir bedanken uns für das offene, interessante Gespräch.

Das Interview führte SIEGFRIED JÄHNE

 

Buch-Tipp: „Kein Rentner-Blues in Wuppertal“ in Kommission von Buchhandlung Laurenz und Luise ist dort am Elberfelder Laurentiusplatz zu erhalten.

Leseprobe oder Online bestellbar:

https://buchshop.bod.de/kein-rentner-blues-in-wuppertal-norbert-mueller-9783769300451

 

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